Rio de Janeiro - Das UN-Umweltprogramm UNEP hat mit zahllosen Daten und Vorschlägen eine Grundlage für den Rio+20-Gipfel gelegt. Entscheiden müssen die Staats- und Regierungschefs vom 20. bis 22. Juni. Der seit 2006 amtierende, in Brasilien geborene deutsche UNEP-Exekutivdirektor Achim Steiner skizzierte in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur (dpa) einige Erwartungen.
Man hat den Eindruck, bei Rio+20 geht es um tausend Themen. Das könnte ziemlich unübersichtlich werden.
Steiner: «Diese Gefahr ist immer da, wenn man versucht Komplexität mit komplexen Ansätzen zu beantworten. Wir leben nun mal in einer Zeit und auch in einem Zeitalter, in dem wir viele Dinge auf einmal lösen müssen. Eine Welt mit sieben Milliarden Menschen, eine Welt, die Klimawandel, Ernährungssicherheit, Nahrungsmittelsicherheit auf verschiedenen Kontinenten bewältigen muss und gleichzeitig den Zusammenbruch der Fischerei in vielen Teilen der Weltmeere erlebt. Die Zukunft der Landwirtschaft, öffentliches Verkehrswesen, Energiesicherheit - wir sind heute in einem sehr komplexen Gefüge und ein Gipfel über nachhaltige Entwicklung muss sich mit den ganzen Themen befassen.»
Die Unterschiede zwischen den Länder sind oft sehr groß. Kann eine gemeinsame Antwort gelingen?
Steiner: «Das ist auch für uns als Vereinte Nationen die große Herausforderung. Wie können wir über 190 Nationen der Welt an einen Tisch bekommen, die mit sehr unterschiedlichen Realitäten miteinander verhandeln? Daher ist ein Gipfel zu Nachhaltigkeit wie in Rio nicht immer der Schlüssel zu einem ganz konkreten Ergebnis, das dann Übermorgen schon funktioniert, sondern es ist der Versuch, eine Weltgemeinschaft weiterzuführen.»
Wann könnte man von einem Erfolg sprechen?
Steiner: «Wenn wir nicht glaubwürdig darstellen können, dass hier konkrete Schritte mit ins Leben gerufen wurden, dann wird es sicher schwierig werden, einen Erfolg zu definieren. Aber ich warne auch davor: Man kann Rio nicht an einzelnen Ergebnissen messen. Rio ist in gewisser Hinsicht ein Weltwirtschaftsgipfel in einer sehr kritischen weltwirtschaftlichen Zeit, in der Nachhaltigkeit und auch soziale Komponenten unseres internationalen Wirtschaftssystems neu bemessen und auch neu bewertet werden müssen.»
Wie müsste solch eine Neubewertung aussehen?
Steiner: «Ich würde den Erfolg Rio daran messen, ob wir es geschafft haben, dass die Weltwirtschaft in Zukunft nicht nur in ökonomischen Indikatoren als Erfolg oder Misserfolg gemessen wird, sondern dass eben Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zentraler Bestandteil von Wirtschaftspolitik sind. Denn eine Welt, die sich nur über Handel und Wettbewerb gegenseitig und gegeneinander definiert, hat wenig Chancen, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen.»
Wird Rio+20 einen Aufwertung des UN-Umweltprogramms zu einer vollwertigen UN-Organsation bringen?
Steiner: «Wenn ich diese Frage beantworten könnte, würde ich sie klar beantworten. Ja. Mich stimmt optimistisch, dass wir zum ersten Mal eine Mehrheit der Mitgliedstaaten erleben, die eine stärkere Umweltpolitik fordern, die eine Aufwertung des UN-Umweltprogramms als eine Kernforderung in die Verhandlungen eingebracht haben. (...) Es ist nicht mehr ein Thema zwischen Nord und Süd, sondern zwischen denen, die Umweltpolitik als eine Voraussetzung für effektive nachhaltige Entwicklung halten und dies auch auf globaler Ebene als eine Priorität sehen und denjenigen, die diese Umweltpolitik lieber weiter in einer kleinen Kiste behalten wollen, wo UNEP einmal 1972 in Stockholm gegründet wurde.»
Ihr Vorgänger Klaus Töpfer hat Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, ihre Absage für Rio+20 noch mal zu überdenken.
Steiner: «Das ist das Privileg eines Vorgängers, dass er sich sehr viel freier zu diesen Themen äußern kann. Ich bedauere jede Entscheidung eines Regierungschefs, eines Premierministers, einer Kanzlerin nicht an diesem Gipfel teilzunehmen. (...) Gerade eine Stimme wie die Deutschlands profitiert natürlich davon, wenn sie auch auf der Ebene einer Bundeskanzlerin vertreten wird. Aber ich möchte feststellen, die Bundeskanzlerin hat sich in den letzten zwei, drei Jahren mehr als viele andere Regierungs- und Staatschefs für eine ambitionierte Agenda für Rio 2012 eingesetzt. Also von daher kann man (aus dem Fernbleiben), glaube ich, in keiner Form ableiten, dass ein mangelndes Interesse an diesem Gipfel besteht.»

