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Ein Leben an der Front des Klimawandels - Fluten in Nepal (28.05.2012)

Sie leben im Schatten einer ständigen Bedrohung. Jederzeit könnte das Wasser sie erfassen und fortspülen. In Nepal ist der Klimawandel Realität: Schmelzende Gletscher bedrohen hunderte Menschen - die Flüsse in ihren Dörfern könnten stets zu reißenden Strömen werden.

Bahrabise (dpa) - Nur wenige Meter vor ihrer Hütte, im kargen Hochland von Nepal, rauscht der Fluss vorbei. Für die 42-jährige Mutter ist der Bhotekoshi eine Gefahr. Doch sie lebt damit, Devi Maya Tamangni muss damit leben. «Ich wohne hier, weil es keinen anderen Ort gibt, an den ich gehen kann.» Sie lebt vom Fluss.

Tag für Tag siebt Tamangni den Sand am Ufer und verkauft ihn an Bauunternehmen. «Wir haben keine Zeit, um über Überschwemmungen nachzudenken.» Genau das aber droht ihrem Dorf: Denn es sind Gletscher im Hochland von Tibet, die den Bhotekoshi mit Wasser füllen. Während sich das Klima immer weiter erwärmt, schmelzen die Gletscher - immer schneller. Sie füllen Gletscherseen, deren natürliche Dämme aus Felsen und Geröll urplötzlich brechen können, wenn der Druck zu groß wird. Flussabwärts folgen häufig katastrophale Überschwemmungen.

Nepal hat über 3200 Gletscher - und die Wissenschaftler warnen: Es gab zwar schon früher Überschwemmungen, mit der Erderwärmung werde das Risiko jedoch immer größer. Larcha, das Dorf von Tamangni, ist nicht das einzige im Schatten der Gletscher. Hunderte Menschen im Distrikt Sindhupalchowk an der Grenze zu China sind ständig vom Schmelzwasser bedroht. Auch Schulen stehen an den Ufern. Außerdem verläuft der Arniko Highway durch die Region, die einzige Straße, die Nepal mit China verbindet.

In Tamangnis Dorf starben 1996 bei einer Sturzflut 56 Menschen, 22 Häuser wurden weggeschwemmt, das Wasser hinterließ massive Schäden und Chaos. Tödliche Fluten sind keine Seltenheit in der Region. Im vergangenen Jahrhundert traten Gletscherseen mehrfach über die Ufer. 1935 sprengte der Tara Co See seinen natürlichen Damm. Niemand starb, doch zahlreiche Nutztiere ertranken, Ackerland wurde zerstört.

Nur knapp kam Dhanbahadur Shrestha mit dem Leben davon, als die Wassermassen des Zhangzangbo Sees 1981 schwere Überschwemmungen auslösten. «Es war kurz vor Mitternacht, als ich bemerkte, dass das Wasser so hoch wie die Brücke stand», erzählt der heute 69-Jährige. «Meine Freunde und ich hatten gerade die Brücke verlassen, als sie weggeschwemmt wurde.» Mit seiner lauten Stimme übertönt Shrestha den tosenden Fluss hinter ihm. «Wir konnten nicht glauben, dass wir noch lebten.» Fünf Menschen starben in den Fluten, Hunderte wurden verletzt. Das Wasser spülte 41 Häuser weg, Brücken gingen zu Bruch, auch ein Wasserkraftwerk wurde beschädigt. «Wir haben nicht verstanden, wo das Wasser herkam, aber es gab so unendlich viel davon», erinnert sich Ramlal Parajuli. Er war damals an den höchsten Punkt geklettert und hatte gewartet, bis das Wasser wieder verschwand.

Seit der Überschwemmung vor 31 Jahren ragen Felsbrocken von bis zu vier Metern Durchmesser aus dem Fluss. «Der Unterschied zwischen dem Ausbruch eines Gletschersees und einem Wolkenbruch besteht darin, dass ersteres schweres Geröll flussabwärts bringt, etwa Bäume und Felsen, und alles unterwegs erfasst und wegschwemmt», sagte Pradeep Mool, Experte beim Forschungsinstitut International Centre for Integrated Mountain Development (Icimod) in Kathmandu.

Seit 1996 ist es in der Region weitgehend ruhig geblieben. Doch ist die Bevölkerung seither deutlich gewachsen. Eine Flut wie im Jahr 1981 würde heute nach Schätzungen des Instituts rund 5800 Menschen treffen. Und viele Forscher erwarten eine größere Flut als damals. Ein Frühwarnsystem für die Bewohner der gefährdeten Region gibt es nicht. Viele von ihnen ahnen nicht einmal, in welcher Gefahr sie leben. In der Handelsstadt Bahrabise machen viele Menschen die Wut der Götter für die Überschwemmungen verantwortlich. Tamangni, die 42-jährige Mutter aus dem Dorf Larcha, weiß, dass das Wasser zur Gefahr werden könnte. Doch an ihrem Leben ändert das nichts. «Wenn eine Flut kommt, dann kommt sie eben. Was kann man schon dagegen tun?»


Von Pratibha Tuladhar, dpa



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